Eigentlich kann sich die Republik Mazedonien nicht beklagen.
Vor 20 Jahren erlangte sie ohne große Zwischenfälle die Souveränität. Seit 2005
zählt das Land zu den offiziellen Beitrittskandidaten der EU. In der Hauptstadt
Skopje wird an jeder Stelle gebaut – neue Bürogebäude entstehen, Einkaufstempel
werden aus dem Boden gestampft, 3-spurige Highways bahnen sich ihren Weg durch
die 500.000–Einwohner-Metropole. Eigentlich deutet vieles auf eine
verheißungsvolle Zukunft hin. Eigentlich.
Das
Stadtbild von Skopje wirkt dennoch skurril. Im Zentrum reiht sich ein Monument
an das Andere, Statuen und Skulpturen geben sich sprichwörtlich die Klinke in
die Hand. Der Star dieses verschrobenen Bildes ist ganz klar die Statue von
Alexander des Großen. Der 23 Meter hohe bronzene Klotz des Königs von
Makedonien überragt alles bisher da gewesene (mit 9,5 Mio. Euro auch
kostentechnisch) auf dem Main-Square von Skopje. Auch wenn es bereits die
dritte Alexander Statue in Mazedonien ist, stellt dies für den Großteil der
Bevölkerung kein Problem dar. Viele sehen sich in der Tradition des antiken
Reiches Makedonien, was die Verehrung des Königs nachvollziehbar macht. Dem
Nachbarn Griechenland schmeckt diese Huldigung allerdings überhaupt nicht. Die
Griechen sehen die Verehrung eher als Provokation an, denn egal wie groß und
bedeutend das Reich Makedonien zu seiner Zeit auch war, Alexander der Große
wurde auf griechischem Territorium geboren. Da die Mazedonier aber ein
friedvolles Völkchen sind und keine Probleme mit dem großen EU-Nachbarn wollen,
heißt die Statue nun schlicht und einfach Der
Soldat auf dem Pferd. So oder so, auf dem „Monumenten-Square“ ist für
Jedermann etwas dabei.
Aber damit nicht genug, denn die Stadtväter haben noch
großes mit der Hauptstadt vor. Für das Projekt Skopje 2014 steht neben weiteren Skulpturen und Statuen auch der
Bau von Museen, Hotels und einer Kirche
auf der Agenda. Diese soll übrigens die größte mazedonisch-orthodoxe Kirche des
Landes werden. Mitten im Zentrum. Die passt bestimmt gut ins Stadtbild.
Übrigens dort, wo Mutter Teresas Geburtshaus stand. Die nächsten Proteste sind
da wohl vorprogrammiert. Nicht nur die Opposition schlägt Alarm, auch die so
genannte Bildungs-Elite und der
mittlerweile geschlossene, regierungsferne Fernsehsender A1 äußerten sich mehrfach
kritisch zu den Plänen der Regierung. Proteste hier, Kritik da, Mazedoniens
Premier Nikola Gruevski interessiert das alles recht wenig. Die Baukosten für
das Projekt wurden schon mal von 80 Mio. Euro auf knapp 200 Mio. Euro nach oben
korrigiert. Übrigens: die Arbeiten am Triumphbogen zu Skopje sind fast
abgeschlossen.
Eine andere Baustelle der Republik Mazedonien ist der
Name Mazedonien. Auch hier mimt der Nachbar aus dem Süden den Spielverderber.
Da eine Provinz im Norden Griechenlands den Namen Makedonien trägt, fürchten
die Griechen nach dem EU-Beitritt territoriale Ansprüche des Nachbarn. So
scheiterte der NATO-Beitritt Mazedoniens ausschließlich am griechischen Veto.
Um die Lage zu entspannen, trägt die Republik Mazedonien seit 2008 auch den
Namen Former Yugoslavian
Republic of Macedonia (FYRM). Dennoch gehen die Griechen weiter auf
Konfrontationskurs und fordern einen anderen Namen für das Land. Bemüht man das
Orakel namens Internet werden Namensvorschläge wie Republik Skopje oder Südslawien
ausgeworfen. Hier jedoch stellt sich die mazedonische Regierung quer. Laut
Umfragen wollen 90 Prozent der Mazedonier (immerhin 65 Prozent der
Gesamtbevölkerung sehen sich als Mazedonier) keinen anderen Namen für ihr Land
und ihre nationale Identität wahren. Zumal über 106 Länder den aktuellen Namen Republik Mazedonien offiziell anerkannt
haben. Die Beitritt-Verhandlungen der EU mit Mazedonien sind wegen des
Namensstreits jedoch vorerst auf Eis gelegt.
Kennst du wen bist du
wer, oder wie jetzt?
Boris Kaeski ist in Rage und frustriert über die Situation
im Land. Der 29-Jährige Kamerastudent kann die jüngsten Entscheidungen der
Regierung weder nachvollziehen noch verstehen. „Ehrlich gesagt könnte ich
weinen. Es ist unglaublich, wie viel Geld für das Projekt Skopje 2014 verbrannt wird. Haben wir denn keine anderen Probleme?
Unsere Wirtschaft ist schwach, das Verkehrsnetz im Land alt und marode. Zuerst
sollte die Regierung in Bildung und die Infrastruktur investieren. Es gibt
viele Menschen, die von 3 Euro am Tag leben und dann wird Geld für so einen Unsinn
ausgegeben. Ich kann das nicht verstehen.“ Boris kam als Kind mit seiner
Familie als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Mazedonien. Der Start in ein
neues Leben war für seine Familie nicht leicht, denn im Krieg hatten sie alles
verloren und mussten in der neuen Heimat bei null beginnen. Heute steht er kurz
vor seinem Universitätsabschluss. Er selbst bezeichnet sich als aktiven Bürger,
der auf die Straße geht, wenn ihm Dinge nicht passen. „Die Parteien denken zu
wenig an das Wohlergehen unseres Landes. Sie versuchen ausschließlich ihre
persönlichen Interessen durchzusetzen. Ich spreche hier von Vetternwirtschaft.
Parteimitglieder und -freunde bekommen einen guten Arbeitsplatz oder ihnen
werden Positionen zugesprochen, unabhängig von ihrem Bildungsgrad. Und das nur,
weil sie Mitglied einer Partei sind. Es ist nicht besonders verwunderlich, dass
die Politik eine geringe Wertschätzung in der Bevölkerung genießt.“ Eine
Verbesserung der Situation ist in seinen Augen nicht in Sicht. „Man fragt sich
schon warum man überhaupt studiert und ob man in einem anderen Land nicht
besser leben kann. Dort wo ich durch meine Bildung anerkannt werde und nicht
durch meine Parteizugehörigkeit. Ich denke, dass viele junge, gut ausgebildete
Menschen in den kommenden Jahren das Land verlassen werden.“
Politische Veränderungen wurden Anfang Juni 2011 mit
Neuwahlen angestrebt, nachdem die Opposition seit Anfang des Jahres das
Parlament boykottiert hatte. Bei der Wahl am 05.06.2011 wurde die regierende
Partei VMRO-DPMNE um Premier Gruevski im Amt bestätigt. Somit bleibt wohl
vorerst alles beim Alten in der Republik Mazedonien.
„Ich denke schon, dass
es bei der Wiederwahl mit rechten Dingen zuging. Aber, wenn die Wähler kritisch
wären, hätten sie die konservative VMRO-DPMNE nicht wiedergewählt. Ich habe das
Gefühl, dass viele Menschen verunsichert sind und sich der aktuellen Situation
Mazedoniens nicht bewusst sind. Ich weiß dass wir eine hohe Arbeitslosigkeit
haben und die Hoffnung Vieler auf der Regierung liegt, z.B. ihren Kindern Arbeit
zu verschaffen. Alle sehnen sich nach Verbesserungen, aber viele glauben auch
den leeren Versprechungen der Parteien. Es gibt keine Veränderungen. Und wenn
meine Interessen als Bürger nicht vertreten werden, gebe ich doch der
Opposition eine Chance, oder nicht?“ Natürlich stellt sich die Frage, inwieweit
die Opposition einen neuen Kurs einschlagen würde oder ob sie auch lediglich
ihre persönlichen Interessen durchzusetzen versucht. „Die aktuelle Regierung
macht jedenfalls ihr Bestes dafür einem EU-Beitritt entgegen zu wirken. Wie ich
gehört habe, will sich die Regierung jetzt auch in die Kommission für Medien
einmischen. Sollte das passieren, gibt es keine freien Medien mehr.“ Die
Schließung des Fernsehsenders A1 und von drei Zeitungen deuten die momentane,
angespannte Lage im Medienbereich an und zeigen exemplarisch, wie es um
kritische Berichterstattung in der Balkan-Republik bestellt ist. Auch aus
diesem Grund glaubt Boris, dass Mazedonien noch weit von einem EU-Beitritt
entfernt ist.
„Meine Hoffnungen liegen hier auch bei cafebabel.com,
das als offenes Magazin solche Storys verbreiten kann und das Land zeigt, wie
es ist und was hier eigentlich los ist.“
„babel-lized“
Den ersten aktiven Kontakt zu cafebabel.com
hatte Boris beim Green Europe On The Ground-Projekt.
„Zunächst machte mich ein Freund auf das Magazin aufmerksam. Er meinte, dass cafebabel.com
viele interessante Themen aufgreift und ich mich doch mal für ein Projekt
bewerben soll. Das tat ich auch. Leider erhielt ich eine Absage, weil das Team
damals schon voll besetzt war. Als sie dann hier in Skopje im Rahmen des Orient Express-Projektes unterwegs
waren, habe ich den Teilnehmern mit Kontakten weitergeholfen. Schließlich
schrieb mich Katharina Kloss (Redakteurin von cafebabel.com) an und
fragte ob ich Ende Juni 2011 für das Green
Europe On The Ground-Projekt in Wien verfügbar wäre. Ich sagte sofort zu.“
Sein Projektfilm versucht die Symbiose zwischen Einwohnern und Grünflächen
Wiens herzustellen. „In Wien leben viele Menschen mit unterschiedlicher
Herkunft - in meinen Augen eine sehr multinationale Metropole. Ebenso gibt es
viele Grünflächen. Der Film zeigt, wie grüne Flächen auf unterschiedlichste Art
und Weise von den unterschiedlichsten Menschen genutzt werden. Das Projekt an
sich war eine tolle Erfahrung für mich. Am Tag hat jeder an seinem Thema
gearbeitet und die Abende haben wir zusammen verbracht. Jeder war freundlich
und die Stimmung im Team war super. Ich bin total babel-ized.“
Seine Begeisterung reicht momentan so weit, dass Boris
in absehbarer Zukunft eine Non Government
Organisation (NGO) mit anderen jungen Leuten gründen möchte, um dann in
Form eines Blogs Teil des Babel-Netzwerkes zu werden. „Ich fühle, dass cafebabel.com
ein Nerv meines Körpers ist und ich darüber mit anderen Menschen verbunden
bin.“ Bei allem Lob sieht er aber auch Verbesserungspotential beim
Online-Magazin. „Cafebabel müsste mehr Werbung für sich selbst machen.
Das Magazin gibt es seit 10 Jahren, aber viele Leute haben noch nie etwas davon
gehört. Auch ich kannte das Magazin bis vor kurzem überhaupt nicht, dabei
interessiere ich mich wirklich für viele Themen. Ich würde es Schade finden,
wenn cafebabel.com lediglich eine Nischenrolle in Mazedonien einnehmen
würde, denn der Ansatz des Magazins ist super.“
Alpha und Tiger
„Martin
Neskoski wurde ermordet! Der Vorfall ereignete sich in der Nacht zum 06. Juni
2011 nach dem Wahlsieg der VMRO-DPMNE auf dem Main Square von Skopje. Dabei war
er Anhänger der Partei und feierte wie viele andere den Wahlsieg. Am Rande der Veranstaltung
prügelte ein Mitglied der Tiger,
einer Sondereinheit der Polizei, aus bisher noch ungeklärten Gründen auf den
22-Jährigen ein bis er tot war. Über Facebook und Twitter verbreitete sich die
Nachricht vom Tod des Jungen recht schnell.“ Was Boris und viele kritisieren,
ist die Reaktion der Regierung und die mangelnde Aufklärung des Vorfalls. Der
Polizist wurde zwar einige Tage nach dem Vorfall verhaftet, dennoch „wurden
falsche Informationen an die anderen Polizisten weitergegeben. Ich habe mit einem
Polizisten gesprochen und der sagte mir, dass der Junge mit einer Kanüle im Arm
gefunden wurde und eine Überdosis hatte. Diese Geschichte wurde an die
Polizisten weitergegeben. Das ist aber nicht wahr! Jeder konnte es sehen. Er
hatte am ganzen Körper Hämatome. Auf uns macht es den Eindruck, als würde die
Polizei versuchen den Tod unter den Teppich zu kehren. Es gab leider vorher
schon einige Vorfälle im Zusammenhang mit Polizeibrutalität, aber der Tod von
Martin Neskoski war das ausschlaggebende Ereignis für unsere Proteste. Dabei
geht es uns in erster Linie um die Polizeibrutalität und nicht um andere
politische Themen. Wir fordern eine lückenlose Aufklärung des Vorfalls und die
Bestrafung jener, die die Verantwortung dafür tragen. Außerdem sollten Stresstests
für Polizisten und die Sondereinheiten Tiger
und Alpha eingeführt werden. Es
muss geklärt werden, ob die Polizisten psychisch stabil sind oder ob sie in
Stresssituationen schnell Wutanfälle bekommen.“ Auch hier sollte ein neuer Name
her. Diesmal jedoch für die Sondereinheiten, „denn mit den Namen Tiger und Alpha verbinden viele Mazedonier schlechte Erinnerungen.“ -
Namensvorschläge sind willkommen.
Axel Matz